Witzforschung

2. Die Witzforschung

Lassen Sie mich ein paar einführende Worte vorausschicken, da dieses Forschungsobjekt doch sehr eigenartig anmutet. Und dies nicht nur auf den ersten Blick.

2.1. Die allgemeine Witzforschung

Die allgemeine Witzforschung existiert dem Grunde nach schon seit dem Altertum (manche heutigen Witze scheinen auch noch dieser Zeit zu entstammen). Bereits Aristoteles stellte sich die Frage, warum der Mensch lache und das Tier nicht und was den Menschen zum Lachen bringe. Eine endgültige Antwort fand dieser grandiose Denker nicht und nach dieser suchen wir noch heute.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts beschäftigte sich auch der Wiener Freud Siegmund (kein Vorfahre unseres Dichterfürsten Michael O. Siegmund) mit dieser Materie und veröffentlichte 1905 das Standardwerk „Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten“. Auch in diesem Werk finden wir aber keine bewusste Antwort auf die Witzfrage.

Mehr als diese zwei Vertreter der allgemeinen Witzforschung sollen hier nicht erwähnt werden, da dies dem weiteren Thema nicht gerecht würde. Sie wurden auch nur genannt, um klarzustellen, dass die Witzforschung immer schon ein sehr ernstes Thema war und auch bleiben wird.

2.2. Die spezielle Witzforschung

Kommen wir nun zur speziellen Witzforschung. In meinem Forschungsprojekt soll es darum gehen, zu erfahren, welche Witze im Sudetenland erzählt wurden, wie sie verbreitet wurden und wie sie die Kultur anregten und förderten.

Witze sind seit jeher ein Bestandteil der sudetendeutschen Kultur. Es ist keine Zeit nachweisbar, in der sich Noppern keine Witze erzählt hätten. Professor Wabloschil geht in seinem Werk „Frühe Witze der Germanen“ (Morchenstern 1894) davon aus, dass es Witze bereits bei den urzeitlichen Steinzeitmenschen gab und meint, dies durch zweideutige Höhlenmalereien nachweisen zu können. Unterstützer dieser These finden sich aber im Weiteren nicht.

Wenn der Anspruch der Wissenschaftlichkeit auch nur im Geringsten erfüllt werden soll muss sich die aktuelle Forschung auf Witze und Verbreitungsmechanismen stützen, die nachweisbar und belegbar sind. Das räumliche Forschungsgebiet beschränkt sich auf den Großraum Gablonz an der Neiße (heute Jablonec nad Nisou) mit den umliegenden Gemeinden, inhaltlich werden bezüglich der Witze keine Einschränkungen vorgenommen, da dies das Forschungsergebnis verfälschen oder zumindest vorbestimmen könnte.

Das Sudetenland war, seit Menschen dort siedeln, immer ein karges Land, von dem sich die Einheimischen nur schwer und spärlich ernähren konnten. Die Ärmlichkeit dieser Region wird unterstrichen durch die Gründonnerstagstradition, als Kinder „fechten“ gingen und versuchten, mit einem kleinen Spruch („gelobt sei Jesus Christus zum Gründonnerstag“) ein wenig Süßigkeiten von Nachbarn und ansässigen Geschäftsleuten zu erbetteln, um sich damit den kommenden Ostersonntag zu verschönern.

Viel zu lachen hatte hier niemand. Die Landarbeit oder der Einsatz im den Minen führte bei Erwachsenen und Kinder zu frühzeitiger Erschöpfung, die spätere wirtschaftliche Entwicklung und Prosperität der Schmuck- und Glasproduktion erfolgte auch auf den Rücken von schlecht bezahlten Heimarbeitern. Hier mussten ebenfalls Kinder ketteln, kitten, fassen, rumpeln, säumen und was der Arbeiten mehr waren.

Die vielfältigen Entbehrungen in fast allen Lebensbereichen wurden aber abends in den Stuben vergessen, wenn der Vater den Familienwitz hervorholte und ihn der Familie erzählte.

Diese Witze unterschieden sich in den einzelnen Familien und weil man ja sonst nicht sehr begütert war („mir hottn jo gornüscht“), so achtete man auf diese Witze ganz besonders. Sie wurden vom Vater an den Sohn weitergereicht und wenn mehrere Söhne in der Familie waren, musste manchmal die Pointe geteilt werden. Normalerweise ging aber traditionell der Witz an den Sohn, der als erster heiratete. Nach Erzählen des Witzes und dem Aufleben der familiären Heiterkeit wurde der Witz wieder sehr sorgsam verpackt und verräumt, damit er keinen Schaden nahm.

Neugablonz, 05.08.2013